In meiner kleinen Imkerei versuche ich seit 2014 meine Bienen so naturnah wie möglich zu halten. Wieso mir das so wichtig ist, möchte ich nachfolgend kurz erleutern


Die naturnahe Bienenhaltung - Neue Wege für gesunde und wiederstandsfähige Bienen

Nach dem Winter, beim ersten warmen Wetter, schaut der Inker das erste mal im neuen Jahr nach seinen Bienen. In die Vorfreude seine Bienen nach dem langen Winter wiederzusehen, mischen sich auch Bangen und dunkle Vorahnungen. Wieviele Völker haben es dieses Jahr geschafft? In manchen Jahren hört man erleichtert das vertraute fröhliche Summen am Bienenstand, in anderen Jahren -Totenstille. Leider sind es die stillen Jahre, die immer häufiger werden. Dann ist es für den Imker wahrlich kein schönes Frühlingserwachen.


Was ist der Grund für die hohe Sterblichkeit der Bienenvölker? Viele sind auf der Suche nach den Ursachen und Vieles wird gefunden. Pestizide auf den Nahrungsquellen, verunreinigte Wachswaben, neue Bienenkrankheiten und Parasiten. Viele glauben, hauptsächlich ist die Varroamilbe schuld daran, denn bevor die Milbe aus Asien eingeschleppt wurde, hatte man nicht so viele Verluste. Außerdem lässt sich ein Tod durch Varroa auch sehr oft nachweisen. Doch wieso tötet ein Parasit seinen Wirt und damit seine Lebensgrundlage? Ist das nicht eigentlich wieder der Natur? Oder sterben die Bienenvölker, weil sie ohnehin geschwächt durch viele andere Belastungen wie Gifte, Stress und Behandlungsmittel sind und die zusätzliche Belastung durch den Parasit dann nicht mehr stand halten?
Auf jeden Fall fehlt unseren Bienen die Fähigkeit sich an die ausländische Milbe anzupassen, oder?
Lange ging man davon aus, dass unsere Honigbienen seit der Einschleppung der Varroamilbe ohne die Hilfe des Imkers nicht mehr überlebenshähig sind. Sozusagen ohne Imker keine Bienen. Dieser Satz war den Imkern natürlich nicht ganz unangenehm, denn er spiegelte sozusagen die Wichtigkeit ihres Wirkens. In vielen Gegenden in Europe ist es vermütlich wirklich so, dass Bienen ohne Imker nicht überleben könnten. Aber liegt dass nur an der Milbe oder an dem fehlenden Angebot an Nahrung und geeigneten Nistplätzen?

Immer mehr  Entdeckungen von Populationen "wild" lebender Bienenvölkern weltweit, geben Anlass zu neuen Fragestellungen aber vor allem Grund zur Freude und zur Hoffnung. Wenn es Bienenvölkern gelingt, ohne Hilfe des Menschens ohne Behandlung und Zufütterung zu überleben, müsste es doch eigentlich auch in der Imkerei möglich sein, solche selbständig überlebensfähigen Völker zu halten.

Es gibt immer mehr Imker, die diesen Gedanken schon seit Jahren verfolgen und auch erfolgreich praktizieren. Voraussetzung für eine Führung von selbständig überlebensfähigen Völkern ist jedoch immer eine naturnahe Bienenhaltung. Das heist: Der Imker orientiert sich an den Voraussetzungen der "wild" überlebenden Bienenvölkern und versucht diese in seine Bienenhaltung zu übernehmen.
Als erstes muss man wissen, dass die wild überlebenden Bienenvölker eine sehr massive natürliche Auslese erfahren haben. Das heist: Innerhalb des Kontaktes mit der Milbe sind bis zu 90% der wilden Völker verschwunden. Die 10% welche das übelebt haben, haben in den folgenden Jahren eine stabile Population entwickelt. Die Völker leben meist in Abständen von bis zu 800 m, sie bilden eher kleine Völker und schwärmen oft. Außerdem befinden sie sich in abgelegenen Gebieten, mit intakter Natur, wenig Imkerei und Landwirtschaft.
All diese Komponenten stehen genau konträr zu unserer modernen Imkerei  und machen die Umsetzung natürlich sehr schwierig. Jahrzentelang wurde eine Biene gezüchtet, die große Völker bildet, schwarmträge und friedfetig ist. Dies hatte in der Vergangenheit auch durchaus Sinn gemacht. Steht nun aber einer Überlebensfähigkeit leider im Wege.
Hinzu kommt, dass kaum ein Imker Interesse daran hat 90% seiner Völker zu opfern, und das über Jahre hinweg, um vieleicht einmal überlebensfähige Völker zu bekommen. Auch dies ist natürlich nachvollziehbar und verständlich. Vieleicht gibt es aber auch Wege für einen sanfteren Übergang.
Eine Möglichkeit wäre bereits selektierete Völker zu vermehren und durch eine naturnahe Bienenhaltung ihre Überlebensfähigkeit zu erhalten.
Was aber bedeutet es seine Bienen naturnah zu halten:
In der naturnahen Imkerei stehen immer das Wohl der Bienen an erster Stelle. Der Honigertrag ist immer zweitrangig.
Das Bienenvolk wird als einheitliches Wesen angesehen, dessen Bedürfnisse, wie Wabenbau, Schwarmtrieb, Drohnenaufzucht werden respektiert. Im Allgemeinen gilt der Grundsatz, dass die Bienen selbst am besten wissen was sie tun, so wie es schon seit Jahrmillionen funktioniert. Der Imker versteht sich hier als stiller Begleiter, der nur eingreift, wenn es unbedingt sein muss und nur Honig entnimmt, wenn das Volk einen Überschuss produziert, denn die Bienen brauchen ihren Honig um gesund zu bleiben. Zuckerwasser, kann das nicht ersetzten.


Die Grundsätze in der Praxis:


Der Brutbereich des Bienenvolks ist den Bienen heilig. Hier regieren sie am empfindlichsten und Störungen werden daher unbedingt vermieden. Im Brutbereich herrscht ein ganz besonderes Mikroklima. Dieses ist durchsetzt von ethärischen Dämpfen und benötigt eine stetig gleichbleibende Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Wird dieses Klima gestört, braucht die Brut der Bienen länger für den Schlupf und Krankheitskeime können eindringen, die Brut braucht länger um zu schlüpfen und die sich darin vermehrenden Varroen erzeugen noch mehr Nachkomen. Jede Störung in diesem Bereich bedeutet auch großen Stress für das Volk, worunter das Immunsystem nachhaltig leidet. Der Brutbereich ist somit dem Naturimker heilig und wird nach Möglichkeit nicht gestört. Das Volk wird weder geteilt noch wird Drohnenbrut entnommen.


Die Bienen dürfen Schwärmen. Dies ist die natürliche Völkervermehrung und dabei muss nicht ins Volk eingegriffen werden. Das Schwärmen dient dem Volk ausserdem als Verjüngung und Selbstheilung. Durch die natürliche Brutpause wird z.B. die Vermehrung der Varroamilbe auf natürliche Weise eingedämmt. Die Schwärme dienen als Ausgleich für Verluste oder zur Vermehrung der Bestände. Königinnen werden nicht ausgetauscht und Jungköniginnen dürfen sich an Ort und stelle Paaren. Dies führt zu einer stetig besseren Anpassung an die jeweiligen Umweltbedingungen und vermeidet das Einbringen von unangepassten Erbgut.


Die Bienen dürfen ihr eigenes Wabenwerk errichten. Das Wabenwerk wird als untrennbarer Teil des Volks gesehen. Jedes fremde Wachs, dass in Form von Mittelwänden eingebracht wird, ist für die Bienen ein Fremdkörper und wirkt sich als Störung aus. Das Errichten des eigenen Wabenwerks schweisst ein Volk als solches zusammen. Darüberhinaus, werden Giftstoffe aus der Umwelt über die Wachsdrüsen der Bienen ausgeschwitz. Dies dient daher auch als Reinigung. Durch den Verzicht auf fremdes Wachs wird ausserdem vermieden, dass Verunreinigungen wie Stearin oder Paraffin ins Volk gelangen, welches ein Volk stark schädigen oder gar töten können.


Die Bienen brauchen ihren eigenen Honig, um gesund und stark zu bleiben. Im Honig ist alles enthalten, was die Bienen brauchen um den Winter zu überleben. Zuckerwasser kann diesen nicht vollständig ersetzten. Gegen Ende des Sommers haben die Bienen ihren natürlichen Wintervorrat, den Honig fertig eingelagert, um den nahenden Winter zu überleben. Nun kommt für die Bienen die Zeit, sich um sich selbst zu kümmern. Sie pflegen sich selbst indem sie sich gegenseitig putzen. Dabei entfernen sie teilweise auch Milben. Sie propoliesieren ihr Nest gegen Witterung und Krankheitserreger. Sie kommen nach der langen harten Arbeit der Nahrungsbeschaffung langsam zur Ruhe und schöpfen neue Kraft für den Winter. Wenn ihnen nun der Imker ihre Honigvorräte wegnimmt, und dafür Zukerlösungen gibt, kommt der natürliche Prozess durcheinander. Die Bienen haben kaum Zeit, sich um sich selbst oder ihr Nest zu kümmern, denn sie brauchen Wochen um die Zuckerlösung umzuwandeln und ihre Vorräte neu anzulegen. Deswegen erntet der Naturimker immer nur den von den Bienen produzierten Überschuss an Honig, und lässt ihnen ihren eigenen Anteil im Nest. Darüberhinaus dient der Honig den Bienen nicht nur als Nahrung sondern auch als eine Art Hausaphotheke. Forscher fanden im Nektar und Honig verschiedener Pflanzenarten Stoffe und Mikroorganismen, die gegen verschiedene Bienenkrankheiten wirksam sind. Die Bienen Lagern den Pflanzennektar im Futterkranz ein und haben somit eine immer Verfügbare Arzneiquelle um Krankheitskeimen entgegenzuwirken. Wird dieser Honig geerntet, fällt ein wichtiger Teil des Immunsystems des Bienenvolks weg.


Eine gesunde Behausung: Auch hier dient als Vorbild die natürliche Behausung, nämlich die Baumhöhle, an die die Bienen seit Jahr Millionen angepasst sind. Die Bienen wählen diese, wie man heute weis, mit sehr viel Sorgfalt aus, denn eine falsche Wahl könnte den Tod des Volkes bedeuten. Die perfekte Baumhöhle ist trocken, geschützt vor Wind und Regen hat ein kleines Flugloch und einen genügend großen Innenraum. Ausserdem sollte sie gut isoliert sein, damit die Bienen wenig Vörräte für den Winter benötigen(ca.8kg in einer Baumhöhle). Dazu hat eine Baumhöhle einen entscheidenden Vorteil gegenüber den künstlichen Behausungen aus Holz: Die Außenwände sind dicker und sie besitz einen hohen Totholzanteil, welcher die Luftfeuchtigkeit perfekt puffern kann. Deswegen gibt es in Baumhöhlen keine Probleme durch zu hoher Feuchtigkeit und deren Probleme mit Schimmelbildung und dergleich, wie es sie häufig in vor allem großräumigen Holzkästen gibt.Damit geht auch ein sehr hoher Futterverbrauch einher (ca 15-20kg) mit all seinen negativen Folgen, wie z.B. kurzlebige Winterbienen oder Durchfallerkrankung. Letzere werden nach neuesten Forschungen zudem auch durch verschimmelte Waben ausgelöst. Es gibt nur wenige künstliche Behausungen die an diese Probleme angepasst sind. Dies sind z.B. Strohstülber, der altbekannte Bienenkorb, Beuten aus Stroh oder Schilfrohr und kleinformatige dickwandige Holzbeuten mit spesiellen Dachkonstruktionen zur Feuchtigkeitspufferung. Alle diese Behausungen sollten natürlich für den Naturwabenbau geeignet sein.


Imker, die diese Komponenten der Naturnahen Imkerei betreiben und zudem schon selektierte oder überlebensstarke Völker haben kommen heute, und teilweise schon seit Jahren ohne Behandlungen zur Varroabekämpfung aus.
Auch bei unangepassten Bienen wirkt sich diese Betriebsweise durchweg positiv auf deren Vitalität und Überlebenschancen aus und ist auf jeden Fall ein gute Möglichkeit, die Bienen zu stärken um mit all den Problemen zurechtzukommen.


Und man bedenke: Nicht die Bienen sind es die uns brauchen, sondern wir brauchen die Bienen und eine intakte gesunde Natur, denn die ist unser aller Grundlage.


geschrieben von David Junker am 7.4.2019 im Jahr der Bienen

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